Kurzbeschreibung existenzialpsychologische Therapie

Die Vorfahren

 

Der existenzialpsychologische Ansatz in der Therapie hat keine formale Schule, keine Institution aufzuweisen, wo er zu Hause ist. Er ist auch nicht anhand einer Gründerpersönlichkeit identifizierbar. Der Stammbaum der existenziellen Orientierung in der Psychologie und Therapie ist jedoch tief im Boden unserer Kulturgeschichte verwurzelt.

 

Namen, die in dieser Tradition stehen sind aus unserer Epoche z.B. Ludwig Binswanger, C. G. Jung, Karlfried Graf Dürckheim, Medard Boss, Viktor Frankl, Abraham Maslow, Rollo May, und heute insbesondere Irvin Yalom. Jede dieser Persönlichkeiten hat die existenzielle Ausrichtung auf spezifische Weise interpretiert.

Die existenzielle Grundausrichtung war auch das gemeinsame Fundament, auf dem sich der sog. 3. Zweig der Psychologie (neben Psychoanalyse und Behaviorismus), die  Humanistische Psychologie, Anfang der 60er Jahre in den USA etablierte, zu der auch Carl Rogers mit seiner personzentrierten Psychotherapie oder Fritz Perls und Paul Goodman mit ihrer, in der Gestaltphilosophie wurzelnden Gestalttherapie gehörten.

 

Die existenzialpsychologische Therapie stellt auch keine psychotherapeutische Schulrichtung dar, die zum gesamten Spektrum der psychologischen und therapeutischen Fragestellungen eigene Theorien zur Verfügung stellt. Vielmehr greift sie in vielen Fragen zurück auf die Theorien psychodynamischer Psychologieansätze (Psychoanalyse, Analytische Psychologie, Selbstpsychologie).

 

 

Die philosophische Grundausrichtung

 

Das wesentlichste Merkmal einer jeden existenziellen Orientierung liegt wohl darin, dass sie die psychologischen und psychotherapeutischen Ansätze in einen übergeordneten philosophischen Bezugsrahmen stellt und von daher auch modifiziert. Aus diesem philosophischen Unterbau entfaltet sie eine klare Anthropologie (der Mensch als Person; Menschsein als Menschwerdung), therapeutische Leitbegriffe, wie z.B. Dasein, Leib, Seele, Wesen, Entelechie usf., macht die Auseinandersetzung mit ethischen Fragen (Wie will ich leben?) zu einem therapeutischen Thema und  integriert Methoden der Philosophie (wie etwa die phänomenologische, hermeneutische, dialektische und dialogische Methodik) in die Therapie. Eine weitere Besonderheit ist die Integration philosophisch-spiritueller Übungspraxen in die Therapie, z.B. Übungen der Gegenwärtigkeit, der Achtsamkeit, der Stille. Existenzialpsychologische Therapie und Beratung sind in ihrem Selbstverständnis philosophisch- geisteswissenschaftlich ausgerichtet.

 

Die Methode, durch persönlichen Dialog im Rahmen einer zwischenmenschlichen Beziehung Erkenntnis- und Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen, tritt uns in der klassischen Philosophie zum ersten Mal in den sokratischen Dialogen Platons gegenüber. Diese ursprüngliche Art des Therapierens war nicht Ausdruck einer Behandlung (einseitige Beeinflussung), sondern einer Mäeutik (‚Hebammenkunst’), d.h. sie ging von der Fähigkeit des Gesprächspartners aus, im Kontext einer dialogischen Beziehung die Wahrheit selbständig herauszufinden.

 

 

Die personale Orientierung

 

Der Mensch als Person ist mehr als die Summe seiner Teile. Als Person besitzt jeder Mensch eine unantastbare Würde, einen unveräußerlichen Eigenwert und damit einen ersten, sinnstiftenden Grund seiner Existenz. Als Person ist er frei und gleich mit anderen Personen, auch wenn er biologisch und sozial bedingt und ungleich ist. Das Empfinden, nicht nur ein Selbst zu sein und eine Persönlichkeit zu haben, sondern Person zu sein, vermittelt uns einen grund-legenden Halt in unserem Leben, einen Bezugspunkt von Wert, der uns dabei hilft, unser Potenzial als Mensch, unser Menschenmögliches in der Welt auch zu verkörpern, zu verwirklichen.

 

Ein Mensch, der sich nicht als Person, als ein Du angesprochen und gemeint fühlt in seinem Leben, gerät in eine personale Not. Sie ist für viele Menschen der Ausgangspunkt für die Unfähigkeit, Probleme und  Leid, die das Leben mit sich bringt, zu bewältigen. Eine solche Not zu erkennen, in der Tiefe zu verstehen und einen hilfreichen therapeutischen Beziehungsraum anzubieten, in dem die aktuellen Probleme und Anliegen unserer Klienten in den Kontext einer personalen therapeutischen Beziehung gestellt werden, ist ein wesentliches Merkmal der existenziellen Orientierung. Der Klient als Person rückt damit in den Mittelpunkt der Therapie: Es geht um Dich. Wir haben es dann nicht mit einer ‚Störung’ oder mit einem ‚Problem’ zu tun –  wir haben es immer mit einem Menschen zu tun, hier und jetzt.

 

 

Das Therapieverständnis

 

Therapie im existenziellen Sinn meint nicht eine Behandlung, sondern in der ursprünglichen Bedeutung des griechischen therapeia ein 'Begleiten', das heisst: Eine personale und dialogische Beziehung zu einem anderen Menschen, die einen hilfreichen Rahmen schafft für Entwicklung und Wachstum der Person, für die Veränderung hinderlicher Muster der Persönlichkeit, für die Bewältigung von  Lebenskrisen und leidvoller existenzieller Gegebenheiten des Lebens.

 

Die existenzielle Haltung begründet eine personale Beziehung zwischen Therapeut und Klient. In ihr sind wir gemeinsame Reisegefährten, auch wenn wir verschiedene Rollen einnehmen. „Und wenn eine solche Beziehung erst einmal da ist, kann der Patient nicht nur die Basis seines persönlichen Lebens – seine Geschichte und seinen Alltag – tiefer erkunden, sondern auch die Basis seiner Existenz “ (Yalom)

 

Eine bedeutsame Haltung und Methode, einen anderen Menschen zu verstehen und Begegnung zu ermöglichen, ist die phänomenologische. Sie führt uns direkt im Hier und Jetzt in die Erlebenswelt eines anderen Menschen, in seine unmittelbar erlebte Wirklichkeit und ermöglicht Erfahrungen, die wir mit ihm gemeinsam durchleben, die wir miteinander teilen. „In solchen Begegnungsmomenten vollziehen sich die zentralen Erfahrungen, die in einer Psychotherapie verändernd wirken.“ (Daniel Stern) Es bedarf langer Übung und Arbeit an sich selbst, eigene Konzepte und Sichtweisen auch auszuklammern zu können, um an der (Er)Lebenswirklichkeit eines anderen Menschen so wie sie ist teilzuhaben. Rollo May spricht von einer „Haltung der disziplinierten Naivität“.

 

Therapeutische Veränderung ist in der existenziellen Orientierung immer als ein Entwicklungsprozess konzipiert. Dies heisst, dass das Therapieren auf einen selbstbestimmten, autonomen Veränderungsprozess ausgerichtet ist. Dieser benötigt jedoch zu seiner Entfaltung einen offenen therapeutischen Raum und Therapeuten als Gegenüber, die diesen Prozess katalysieren und begleiten, etwa durch dialektische Beziehungsgestaltung und geeignete Erfahrungsangebote.

 

 

Anwendungsbereiche

 

Der existenzialpsychologische Therapieansatz kann Anwendung finden in den verschiedensten Helfer- und Beratungsberufen, im pädagogischen, psychotherapeutischen, medizinischen, pflegerischen und seelsorgerischen Bereich. Er ist nicht ausgerichtet auf eine spezielle Indikation, sondern auf die Arbeit eines Menschen an sich selbst als Person in ihren Lebensbedingungen.

 

Die existenzialpsychologische Therapie ist der umfassende Bezugsrahmen, in den die Naturtherapie (siehe unter: Schule für Naturtherapie), als ein spezielles existenziell orientiertes Therapieverfahren, eingebettet ist.

 

Überblick über die thematischen Schwerpunkte der Exist-Grundkurse I-IV

Grundkurs I : Dasein in der Welt, Leib und Seele

Grundkurs II : Entwicklung, Wesen und Charakter

Grundkurs III : Beziehung und Begegnung

Grundkurs IV: Gesundung und Heilung