Wachsende Ringe - 1. Teil

-

Fortbildung:

Wachsende Ringe

Entwicklungsstufen des erwachsenen Selbst in der zweiten Lebenshälfte

 

 

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehen
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen
Aber versuchen will ich ihn.
- Rainer Maria Rilke -

 

 

Unsere Situation heute ist völlig neu in der Menschheitsgeschichte: In kürzester Zeit hat sich unsere Lebensspanne  nochmals erheblich verlängert. Die gesellschaftlichen Auswirkungen sind dramatisch und wir haben gerade erst begonnen, uns mit ihnen auseinander zu setzen. Aber auch für jeden Einzelnen steckt darin die Herausforderung, auch ein stimmiges Bild des eigenen Werdens für das reife Erwachsenendasein und das Alter zu gewinnen.

 

Dass wir länger leben heisst nicht, dass am Ende des Lebens lediglich etwas ‚dazukommt’. Vielmehr ist dadurch unser Dasein jenseits der Lebensmitte insgesamt grundlegend verändert. Der Rahmen, in dem sich unsere Biographie entfalten kann, ist also neu gesetzt. Wie wollen wir ihn füllen?  Welchen Zwecken soll unser Leben jenseits der 50er eigentlich  dienen?

 

*

 

Einige Aufgaben gibt uns die Natur vor. Es sind - trotz des medizinischen Fortschritts - die  natürlichen Prozesse des Älterwerdens, die körperlichen Veränderungs- und Abbauprozesse und alles, was damit zu tun hat. Unsere Körperlichkeit bestimmt unser Leben in zunehmendem Maß. Dabei verändert sich auch unser Selbstgefühl. Wir benötigen jetzt ein empfängliches, ein offenes Bewusstsein, das darauf verzichtet, diese Realität zu verdrängen oder zu beschönigen und am Status Quo festhalten will. Wenn sich unsere Körperlichkeit,oft auch auf schmerzhafte Weise, wieder in den Vordergrund schiebt, dann eröffnet sich uns damit auch die Chance - nach all dem jahrzehntelangen Funktionieren in der Welt - uns wieder als der Leib zu entdecken, der wir selber sind und unser Dasein darin neu zu gründen. Die Natur fordert jetzt wieder ihr Recht und sie ist letztlich stärker als all unsere Vorstellungen und Konzepte.

 

Die Natur macht uns durch vielfältige Erfahrungen (Einbußen in der körperlichen Leistungsfähigkeit, erste chronische Erkrankungen, Tod der Eltern u.ä.) auch unmissverständlich klar, wohin sie uns führen wird: Das Leben des reifen Erwachsenen ist immer ein Leben auf den Tode hin. Wenn wir diese Zielrichtug nicht verdrängen, dann geraten wir spätestens jetzt in das Kraftfeld der religiösen Frage. Wir suchen jetzt Sinn in dem, was mit uns geschieht, Wappnung gegen anflutende Verzweiflung und Verbitterung. Therapie wird dabei zur Begleitung auf dem Weg, einem Weg, den jeder Mensch zu gehen hat, die Philosophie kommt zur Psychologie, Seelenheilkunde wird dann auch zu einer Seelenheil-Kunde.

 

*

 

Der Entwicklungspsychologe E r i k  E r i k s o n beschreibt das Entwicklungsziel des reifen Erwachsenenselbst als einen Zustand der Integrität: „Er bedeutet die Annahme seines einen und einzigen Lebenszyklus und der Menschen, die in ihm notwendig da sein mussten.“ Er bedeutet ein Freiwerden von dem Wunsch, es möchte anders gewesen sein als es war, und die Bejahung der Tatsache, dass man für das eigene Leben allein verantwortlich ist. „Er enthält ein Gefühl von Kameradschaft zu den Männern und Frauen ferner Zeiten und Lebensformen, die Ordnungen, Dinge und Lehren schufen, welche die menschliche Würde und Liebe vermehrt haben.“ 

 

Andere hilfreiche Perspektiven bietet die Konzepte der Überindividualität von R o b e r t  K e g a n und der Individuation von C. G. J u n g. Beiden gemeinsam ist: Die Sorge um die Zukunft der Menschen, um Kontinuität und Lebenszusammenhang, der tiefe Wunsch, dem Leben zu dienen, verlangt von uns, uns nochmals ganz neu einzulassen auf das Abenteuer des persönlichen Wachstums. Wir werden feststellen, dass wir jetzt viel ‚Anfängergeist’ benötigen - vielleicht mehr denn je. Die Frage an uns ist: Sind wir bereit, nochmals an uns zu arbeiten, obwohl doch alles Wichtige in der Welt schon erreicht scheint - also wozu eigentlich?

 

Jetzt kann es auch darum gehen, Lebenskünste zu erlernen, in denen wir bisher eher unerfahren, vielleicht sogar stümperhaft waren. Die Lebenskünste eines reifen Erwachsenen zu entfalten, heisst nicht, von irgendetwas mehr zu haben oder irgendetwas besser zu können, sondern das heisst, auf neue Art da und in Beziehung zu sein, Weisen das Daseins zu entwickeln, die im Getriebe und der Hast des sozialen Aufstiegs und der Absicherung der eigenen Position in der Welt bisher zu kurz gekommen sind.

 

Es gibt viele Lebenskünste, die wir erlernen können, wenn wir erst einmal bereit sind. Wir können uns etwa der vielleicht größten aller Künste zuwenden: Person zu werden und die Dinge, die wir tun, auf personale Weise, aus unserem Wesen heraus zu tun. Oder der  Kunst der Intimität und des reifen Liebens, der Kunst des Müßiggangs, der Kunst des Glaubens und der Versöhnung und vor allem der Kunst der Achtsamkeit, im Augenblick zu leben - denn eines ist klar: Die Gegenwart wird immer wertvoller, je kürzer die Zukunft wird. Und wenn sie eines Tages ganz verschwindet, dann bleibt uns lediglich die Kostbarkeit des gelebten und erlebten Augenblicks. Welcher Kunst auch immer wir uns zuwenden – es darf kein Programm zur Selbstverbesserung werden, jegliches Leistungsdenken ist jetzt fehl am Platz.

 

Für das Wachsen und Reifen in der zweiten Lebenshälfte gibt es nur wenig allgemeingültige Programme und Rezepte. Gerade jetzt gilt es - mehr noch als zu Beginn unseres Erwachsenenlebens - unseren ganz eigenes Leben zu wagen. So wie C. G. Jung, der im Prolog seiner Autobiographie schrieb: „So habe ich es heute, in meinem dreiundachtzigsten Lebensjahr unternommen, den Mythus meines Lebens zu erzählen. Ich kann jedoch nur ... ‚Geschichten’ erzählen. Ob sie wahr sind, ist kein Problem. Die Frage ist nur, ist es mein Märchen, meine Wahrheit?“ 

 

Wir sind mit dieser Herausforderung und den damit verbundenen Fragen ja nicht allein. Es gibt eine Vielzahl von Menschen, die sich ihr gestellt  haben. Deshalb werfen wir auch einen Blick in das Leben einiger großer Menschen, die gerungen haben um ihren ganz persönlichen Weg des Reifens und Wachsens im Älterwerden, wie etwa Montaigne, Goethe, C.G.Jung, Hesse u.a.m. Sie werden uns auch in diesem Kurs inspirieren und ermutigen.

 

In diesem Fortbildungskurs geht es um die Entwicklungsthemen und -probleme des Erwachsenen nach der Lebensmitte bis ins Alter hinein, um die sog. ‚zweiten Lebenshälfte’. Und es geht auch darum, wie wir andere Menschen und auch uns selbst dabei unterstützen können, die dabei stattfindenden Wandlungs- und Übergangsprozesse gut zu bewältigen. Die Wechseljahre der Lebensmitte sind ja nicht nur das Ende, sondern auch der Beginn einer neuen Lebensphase – und in Bezug auf diese sind wir wieder Anfänger.

Diese Fortbildung besteht aus Selbsterfahrung, Vortrag und Übung. Sie ist nicht nur für Therapeuten und Pädagogen geeignet, sondern auch für alle, die sich persönlich vertieft mit den Entwicklungsthemen und -aufgaben in der zweiten Lebenshälfte auseinandersetzen wollen.

 

Termine :

Do., 17.10., 9.30h – So, 20.10.,13.00h /2019
und
Do., 26.03.,9.30h – So, 29.03., 13.00h /2020

 

 

Teilnahmegebühr: 360.- €

Anmeldung (mit Anmeldeformular): D-86819 Bad Wörishofen, Postf. 1620

Ort: Bürgerhaus Unteregg, Kirchstrasse, 87782 Unteregg

Übernachtung und Verpflegung: Informationen werden mit der Anmeldebestätigung zugesandt.

Leitung: Rita Arzberger-Schmidtner (Naturtherapie, Existenzialpsychologische Therapie, Gestalttherapie)  und Angelika Ott (Paartherapie, Existenzialpsychologische Therapie, Naturtherapie i.A.)

Zurück

Anmeldeformular zum Download

application/pdf Anmeldeformular als PDF-Datei (50,5 KiB)