Spielraum Natur

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Weiterbildung: Naturtherapie mit Kindern:

S p i e l r a u m  N a t u r

Einführung in die Theorie und Praxis des naturtherapeutischen Arbeitens mit Kindern

 
 

Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, auch bei Kindern aus ganz ‚normalen’ Familien, haben deutlich zugenommen. Die Deutsche Liga für das Kind spricht neuerdings davon, dass bereits jedes fünfte Kind derartige Probleme hat. Aus einer salutogenen Sicht heraus heisst das: Die psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz), die Fähigkeit, mit Frustration, Versagung und auch mit Leid umzugehen, hat bei unseren Kindern deutlich abgenommen.

 

Zum Verständnis dieser Situation müssen wir die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse selbst in den Blick nehmen. In seinem Buch ‚Die Unwirtlichkeit unserer Städte’ weist der bekannte Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich schon in den 60er Jahren auf die psychische Bedeutung der lebendigen Spielräume draußen und auf die negativen Wirkungen für das Wachsen und Gedeihen unserer Kinder hin, wenn sie fehlen: „Der junge Mensch ist weitgehend ein … Spielwesen. Er braucht seinesgleichen – nämlich Tiere, überhaupt Elementares,  Wasser, Dreck, Gebüsche, Spiel-raum. Man kann ihn auch ohne das alles aufwachsen lassen ... Er überlebt es – doch man sollte sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt, z.B. ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und Initiative. Um Schwung zu haben, muss man sich von einem festen Ort abstoßen können, ein Gefühl der Sicherheit erworben haben.“

 

Die psychische Widerstandsfähigkeit unserer Kinder hängt weniger von ihren Lernerfolgen ab, vielmehr von der Entwicklung eines starken, kohärenten Selbstgefühls. Anscheinend haben wir vergessen, was Kinder dafür brauchen: Freiräume für gemeinsames Spielen, für das In-Szene-Setzen ihrer eigenen Phantasien, Entfaltungsräume für die Entwicklung ihres Eigen-Sinnes. Nirgendwo wird das authentische Selbsterleben auf so vielfältige und so förderliche Weise angeregt wie beim Spielen draußen in der freien Landschaft, im lebendigen Raum Natur. Solche selbstbestimmten Spiel- und Entwicklungsräume verschwinden jedoch zunehmend aus dem Leben unserer Kinder. Kontrollierte Spielangebote und technisch-medial vermittelte Unterhaltung, die unsere Kinder schon früh in den entfremdenden Konsummodus zwingen, sind an ihre Stelle getreten. Das in vorgegebenen Bahnen ablaufende Spielen gewährt den Kindern wenig Raum, sich als authentisches Selbst zu erleben und zu entfalten und sich eben darin angenommen zu fühlen.

 

Kinder sind heute nahezu vollständig der modernen Erwachsenenwelt ausgeliefert, auf Gedeih und Verderb, sogar im Spielen. Wir kultivieren dabei möglicherweise ihr Ich, aber nicht das Reifen und Erstarken ihres Selbst d.h. des Fundamentes, in dem ein erfülltes Erwachsenenleben gründet. Unsere Kinder sind dadurch anfälliger geworden, können frustrierende und auch schmerzhafte Erfahrungen immer weniger selbst auffangen. Erfahrungen der Praxis und Zahlen belegen diesen deprimierenden ‚Fortschritt’.

 

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Hier setzt die  N a t u r t h e r a p i e  m i t  K i n d e r n  an. Sozusagen ‚ersatzweise’ stellen wir Kindern den lebendigen Spielraum Natur wieder zur Verfügung, diesen ‚maßgeschneiderten’ Raum für die Entwicklung und Stärkung ihres Selbst. Wir tragen diesen Spielraum hinein in die pädagogischen und therapeutischen Felder unserer Gesellschaft.

 

Das naturtherapeutische Arbeiten mit Kindern verfolgt keine pädagogischen Zwecke im Sinne irgendwelcher Lern- und Bildungskonzepte, auch nicht im Sinne einer Natur- und Umweltpädagogik. Naturtherapie zielt konsequent auf die Entwicklung und Stärkung des kindlichen Selbst, seiner Regulationsfähigkeit, Ressourcen und Potenziale. Aus der Erwachsenentherapie wissen wir, dass es oft von lebensentscheidender Bedeutung ist, dass ein gesunder Eigen-Sinn als Grundlage für Selbstvertrauen und Zuversicht in unserer Kindheit heranwachsen kann.

 

Wir stellen den Kindern im Kontext einer haltgebenden therapeutischen Beziehung, in der sie sich gesehen und angenommen fühlen, Freiräume für das Spielen draußen in der Landschaft zur Verfügung, Freiräume für ihren Bewegungsdrang, für ihre Phantasien und ihre Gestaltungs-Impulse. Im Spielraum Natur dürfen sie selbst aktiv werden. Zusammen mit der spiegelnden empathischen Resonanz der Begleitpersonen wird das Spielen in der Natur so auch zu einem Entwicklungsraum für das Kind selbst.

Das Spielen ist die natürliche Seinsweise des Kindes, die es deshalb auch in seiner Entwicklung voranbringt. Gespielt wird draußen, im lebendigen Raum Natur, um des Spielens selbst, um die Erfahrung des Selbst im Spiel willen, nicht um irgendetwas zu lernen. Im gemeinsamen Spielen steht das aktive  Tun im Vordergrund, es mobilisiert Lebensfreude und Lust, die Welt zu entdecken und vermittelt dem Kind eine Fülle unterschiedlicher Erfahrungen der Welt und von sich selbst. Gemeinsam spielen heisst auch, miteinander zu kooperieren. Die damit immer auch einhergehenden Erfahrungen von Frustration sind ein maßgeblicher Entwicklungsanreiz zum Aufbau einer starken, kohärenten Selbstorganisation. Ein schwaches Selbst kann nicht Spielen und nicht kooperieren; es wird zeitlebens damit beschäftigt sein, sich selbst irgendwie zusammenzuhalten, etwa durch Erfolge und die damit erhoffte Anerkennung.

 

Der Therapieansatz der Naturtherapie ist entwicklungsorientiert.  Wer oder was entwickelt sich eigentlich? Das Kind selbst, nicht etwas, das es lernt. Die Förderung der Entwicklung des kindlichen Selbst bezieht sich meist auf die (lebens-)phasenspezifische Entwicklung. Hier geht es darum, eine erreichte Entwicklungsstufe zu bestätigen und zu stärken, steckengebliebene Entwicklungsprozesse wieder in Gang zu bringen, evtl. Entwicklungshemmungen abzubauen. Bei Kindern mit offensichtlichen Entwicklungsdefiziten stehen jedoch oft die nachholenden Entwicklungsprozesse im Vordergrund, die sog. Nachreifung. Entwicklungsaufgaben aus früheren Lebensphasen können nicht einfach übersprungen werden.

 

Der therapeutische Rahmen bietet den Kindern eine entwicklungsfördernde ‚einbindende Kultur’ (Kegan) mit ihren Funktionen des Bestätigens, des Widersprechens und des Dableibens. Nur wenn eine solche haltgebende Beziehung zur Begleitperson besteht, kann sich auch im Spiel der kindliche Drang, aus sich selbst heraus wirksam zu sein, entfalten.

 

Die Naturtherapie ist nicht pathogen (störungsspezifisch), sondern salutogen ausgerichtet. Die Erfahrungen von Selbstwirksamkeit im Spielraum der lebendigen Natur, zusammen mit der empathischen Resonanz der therapeutischen Begleitpersonen, stärken das kindlichen Selbst und insbesondere das Kohärenzgefühl (sense of coherence) und damit die für Gesundheit, psychische Widerstandsfähigkeit und Genesung maßgeblichen Faktoren. Ein starkes, kohärentes Selbst beschirmt schon im Kindesalter vor seelischen Störungen. Das Spielen draußen in der freien Landschaft hat aber auch auf der rein körperlichen Ebene, z.B. des Immunsystems, vielfältige positive Wirkungen. Diese erstaunliche Breitenwirkung der Natur ist gerade in den letzten Jahren vielfältig erforscht und belegt.

 

Die theoretischen Grundlagen für unseren Therapie-Ansatz sind: Die Entwicklungstheorie von Robert Kegan (‚Die Entwicklungsstufen des Selbst’), die von Heinz Kohut begründete Selbstpsychologie (‚Heilung des Selbst’) und die von Aaron Antonovsky begründete Salutogenese.

 

Neben der im Vordergrund stehenden Prävention kann die Naturtherapie als ein eigenständiges therapeutisches Ergänzungsverfahren (ähnlich wie etwa die Maltherapie) auch bei Kindern eingesetzt werden, die Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten aufweisen. Naturtherapeutische Settings und Methoden können auch direkt in eine Kinderpsychotherapie integriert werden. Auch für das problematische und das kranke Kind ist der Spielraum  Natur ein Erlebensraum, der ihm hilft, zu genesen.

 

Praktisch kann das naturtherapeutische Arbeiten mit Kindern im Gruppen- oder im Einzelsetting stattfinden. Insbesondere die naturtherapeutische Einzelarbeit mit entwicklungsgestörten und verhaltensauffälligen Kindern verlangt von uns als Therapeuten, dass wir draußen in der Natur auch unmittelbare Spielpartner des Kindes sein können, uns ganz auf die Spiel-Interessen des Jungen bzw. des Mädchens einlassen können.

 

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Die inhaltlichen Schwerpunkte dieser einführenden Weiterbildung sind:

* Einführung in die Naturtherapie und die psychologischen Grundlagen der naturtherapeutischen Arbeit mit Kindern. / Kind und Natur: Die psychische Bedeutung des In-der-Naturseins für die Entwicklung des Kindes. Die Wirkungen des lebendigen Raumes Natur auf das Kind.

* Das freie Spielen draußen als Spielraum für das Selbst. Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Die phasenspezifischen Aspekte des Spielens (Kindergartenkind bzw Schulkind)

* Therapeutische Haltungen und Interventionen: Das Bestätigen und Widersprechen; die empathische Resonanz auf das Selbsterleben des Kindes (das selbstpsychologische Spiegeln)

* In diesem Kurs spielt das Lernen durch Selbsterfahrung eine große Rolle

 

 

Diese einführende Weiterbildung ist für folgende Teilnehmer und Teilnehmerinnen geeignet:

Erzieher und Erzieherinnen (auch aus Waldkindergärten) / NaturtherapeutInnen mit Focus auf Kinder / NaturpädagogInnen, die nach vertiefenden Methoden suchen / Kinder- und Jugendlichen-PsychotherapeutInnen / Sozial- und HeilpädagogInnen / ErgotherapeutInnen

 

 

Termin 2018

Do., 06.09.,14.30h – So, 09.09.,13.00h

 
 

Ort: Der Kurs findet statt auf dem Bildungshof Preißinger, einem bäuerlichen Seminarhaus im oberen Mindeltal, Landkreis Unterallgäu. Anschrift: 87782 Oberegg, Obere Hauptstr. 55, Tel. 08269 – 1047

Unterkunft, Verpflegung: Unterkunft im Bildungshof Preißinger möglich in einfachen Zwei-, Drei- und Mehrbettzimmern bzw. Zeltplatz mit Verpflegung oder in Einzelzimmern/Ferienwohnungen in der nahen Umgebung. Für die Buchung der Unterkunft auf dem Bildungshof Preißinger sind die TeilnehmerInnen selbst zuständig. (EMail: marlene.preissinger@web.de)

Anmeldung Das Anmeldeformular bitte schicken an:Schule für Naturtherapie,Postf. 1620, D-86819 Bad Wörishofen

Teilnahmegebühr:  320,- €

Kursleitung: Ellen Keusen (Psychologin B.sc., Naturtherapeutin(Exist), Naturerlebnispädagogin) und Angela Klein (Naturpädagogin, Naturtherapeutin (Exist), Dipl.Biologin) 

 

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